Barrandov-Terrassen: Glanz und Gloria in Trümmern

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Das einst mondäne  Ausflugslokal ist heute nur noch ein Schatten seiner früheren Pracht. Foto: moldauwellen

Ein Hauch von San Francisco weht über dem linken Moldau-Ufer im Süden der Stadt. Hier thronen stolz die „Barrandov-Terrassen“ auf felsigem Untergrund. Das funktionalistische Gebäude entstand Ende der 1920er Jahre als Ausflugsrestaurant mit bester Aussicht auf die Flussmäander. Bauherr war der Vater des späteren Dissidenten, Dichters und Präsidenten Tschechiens, Vaclav Havel.

Als Vorbild diente das berühmte Cliff House am Pazifik in San Francisco. Architekt Max Urban hat seinem Prager Objekt aber noch einige markante Akzente beigefügt, so einen Turm und reich gegliederte Fensterpartien. Außerdem erstreckte sich ein riesiger Freisitz entlang des Felscliffs. Bis zu 3.000 Plätze fasste der Restaurantbetrieb. Und etwas unterhalb des Felsens gab es zudem noch ein 50-Meter-Schwimmbecken, damals eines der modernsten in ganz Europa.

Eine tolle Location also, und für die Havel-Familie zunächst eine gute Investition. Die tolle Lage und beste Aussicht sorgten für einen vollen Betrieb. An 365 Tagen im Jahr steppte in dem mondänen Ensemble der Bär. Ruhetage gab es hier nicht. Gleich nebenan residiert das berühmte Barrandov Studio, so dass die Stars und Sternchen aus Prag hier Stammgast waren.

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Das Gelände ist heute notdürftig verriegelt. Schlupflöcher finden sich aber schnell. Foto: moldauwellen

Der Niedergang der Barrandov-Terrassen begann mit der deutschen Okkupation. Die Nazis nutzten das 300 Meter über dem Meeresspiegel liegende Areal samt Aussichtsturm als Flak-Stützpunkt. Mit dem Einzug der Kommunisten auf dem Hradschin wurde der Komplex 1948 verstaatlicht und verlor seinen einstigen Glanz und seine Gloria. Ein beliebtes Ausflugslokal blieb es aber weiterhin. Erst nach der Samtenen Revolution bekamen der nun auf der Burg amtierende Präsident Vaclav Havel und sein Bruder Ivan das Anwesen 1992 im Zuge einer Restitution zurück.

Bis 1994 funktionierte hier der Restaurantbetrieb. Doch dann begann der (endgültige?) Abstieg. Zunächst kampierten einige Obdachlose in den Gemäuern, dann nistete sich der Verfall ein. Die funktionalistischen Möbel wurden nach und nach entwendet. Das riesige Bassin zu Füßen des Gebäudes wucherte ohnehin schon seit Jahrzehnten zu.

Zwar wurden die Barrandovské terasy in eine gleichnamige Aktiengesellschaft umbenannt, Investoren gesucht und ein Nutzungskonzept aufgestellt. Das historische Gebäude sollte restauriert und um einen Hotelbau ergänzt werden, in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz (siehe Visualisierung). Doch die Finanzkrise ab 2009 machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Seitdem weiß offenbar niemand, was aus dem Komplex werden sollte oder könnte.

Viele Prager erinnern sich heute beim Blick auf die verfallenen Terrassen mit Wehmut an die guten alten Zeiten, deren Verschwinden nirgendwo sonst in der Stadt so sichtbar ist, wie auf dem Barrandov-Felsen. Das Objekt ist zwar verschlossen, Schilder warnen vor Wachhunden im Inneren. Es kann aber zu Fuß sehr gut umrundet und von außen besichtigt werden. Ein kleiner Pfad führt an dem einstigen Restaurant vorbei zu einem Aussichtspunkt mit tollem Blick auf die Moldau und die südlichen Stadtbezirke.

Update 17.10.2016: Wie das Prager Gratisblättchen METRO diesen Monat berichtete, will ein Prager Hotelier und Gastronom einen Teilbereich der „Terrassen“ demnächst wieder als Restaurant eröffnen.

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